Ursachen von Depressionen

Depressionen werden auch als multifaktorielles Geschehen bezeichnet, d.h. es sind viele Bedingungen an der Entstehung, Auslösung und Aufrechterhaltung der Krankheit beteiligt. Es gibt nie die Ursache einer psychischen Erkrankung oder Störung.

Zunächst muss man sich die Faktoren bei einem Menschen betrachten, die Grundvoraussetzung sind für die Entstehung einer Krankheit. Das Vorliegen dieser Voraussetzung hat allerdings noch nicht zwingend zur Folge, dass die Krankheit auch ausbricht. Erst ein zusätzlich auftretender Auslöser bringt die Depressionen zum Ausbruch. Die Grundvoraussetzung selbst, also die psychobiologische Disposition, setzt sich zusammen aus genetisch-somatischen und aus lebensgeschichtlich-biografischen Faktoren.

"Das ursprünglich griechische Wort Melancholie heißt Schwarze Galle. Hier drückt sich die auf Hippokrates zurückgehende Vorstellung aus, dass den psychischen Erkrankungen ein Ungleichgewicht der Körpersäfte zu Grunde liegt. Es ist erstaunlich, dass heute, 2500 Jahre später, ebenfalls gestörte Körpersäfte im Gehirn als Erklärung für Depressionen herangezogen werden."
Prof. Dr. Hans Jürgen Möller

Psychologische Faktoren

Es gibt ein tiefenpsychologisches Modell, das besagt, dass der Grundstein für die Depression schon in der ganz frühen kindlichen Entwicklung liegt. Es soll eine gestörte Beziehung zur Mutter vorliegen, die sich dann darin äußert, dass das Kind glaubt, es kümmere sich niemand um es, es werde nicht geliebt und es sei nichts wert. Darin soll der Grund liegen für ein deutliches Selbstwertproblem, unter dem zur Depression neigende Menschen häufig leiden. Dadurch wiederum entsteht eine "ausgeprägte emotionale Überbedürftigkeit", man hat ein Bedürfnis nach Nähe und Zuwendung, das für die Umwelt nur sehr schwer zu erfüllen ist. Die geringe Selbstachtung dieser Menschen muss kompensiert werden, so dass sie sehr enge Liebesbeziehungen eingehen oder dass eine sehr enge Mutter-Kind-Beziehung entsteht. Außerdem führen sie ein Leben nach überhöhten Leistungsnormen, um das Selbstwertgefühl durch Fremdwertschätzung zu kompensieren.

Ein weiteres Modell für die Entstehung von Depressionen besagt, dass die Depression ein Ausdruck einer "kognitiven Störung" ist. Demnach haben die zur Depression neigenden Menschen in der Kindheit und Jugend ein negatives Selbstbild erworben. Alles wird negativ gesehen und beurteilt, die eigene Person, die Umwelt und die Zukunft. Bei allen Ereignissen wird immer nur die negative Seite gesehen, es handelt sich also um ausgesprochene Pessimisten. Dazu kommt ein Überschätzen der Leistung anderer, wodurch die eigenen Leistungen geschmälert werden, sowie eine Verallgemeinerung negativer Ereignisse.

Ein drittes Modell spricht von "gelernter Hilflosigkeit". Depressionen entstehen dabei als Folge mangelnder Kontrolle. Wenn der Betroffene eine Nichtkontrollierbarkeit der Ereignisse erwartet, entstehen die Symptome. Der Betroffene denkt, dass alles, was schief geht, seine eigene Schuld ist und dass er das auch nicht ändern kann.

Da die zur Depression neigenden Menschen total abhängig von der Achtung und Liebe durch andere Menschen sind (eben, weil sie kein Selbstwertgefühl haben), haben sie vor nichts mehr Angst, als dass sie diese Achtung und Liebe der anderen verlieren. Schon allein die Bedrohung, dass die entsprechende Konstellation zu Bruch geht (Beendigung einer Partnerschaft, Bruch in der Beziehung zur Mutter), löst sofort Gefühle von Hilflosigkeit, Ohnmacht, Existenzunfähigkeit und nicht-geliebt-werden aus. Zur Sicherstellung der Kompensation von Liebe durch andere vermeiden Depressive jegliche Kritik in Partnerschaften, passen sich an, entwickeln keine eigenen Ideen, vermeiden Streit und Aggressivität (die als destruktiv empfunden wird), wehren sich kaum und nehmen Überbelastung in Kauf. Zu Depressionen neigende Menschen sind perfektionistisch, überordentlich, leistungsangepasst und unrealistisch von sich fordernd.

Es leuchtet wohl jedem ein, dass auf diese Art und Weise die eigene Persönlichkeit viel zu kurz kommt. Der Mensch kann diese Situation meistens jedoch recht lange aushalten, aber der Druck staut sich immer mehr auf, und es fehlt nur noch ein kleiner Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Hat sich ein Mensch jahrelang entsprechend verhalten, fehlt es also nur noch am Auslöser, bis die Depressionen mit der typischen Symptomatik ausbrechen. Möglicherweise hat sich die Depression aber auch schon vorher angekündigt durch weniger deutliche Zeichen.
Je mehr belastende Faktoren auftreten, desto größer wird also das Risiko, an einer Depression zu erkranken. Allerdings kann es auch umgekehrt sein, das Risiko kann auch verringert werden, wenn entlastende Faktoren auftreten. So kann ein Mensch, der zu Depressionen neigt, durchaus noch "die Kurve kriegen", wenn er z.B. Rückhalt in einer stabilen Beziehung erhält.
Die Depression an sich kann man also auch als Warnsignal sehen, der Körper wehrt sich, er sagt "STOP! Hör' auf damit!", er signalisiert, macht aufmerksam darauf, dass man sich nicht weiter auf diese Art und Weise verhalten darf, sonst geht man daran zugrunde.

Biologische Faktoren

Für die Ursachen der Depression im biologischen Sinne gibt es ein neurobiochemisches Modell. Dabei geht man davon aus, dass ein Gleichgewicht im Stoffwechsel des Gehirns aus den Fugen geraten ist.
Zunächst einmal muss man erklären, dass im Gehirn bestimmte Regionen für Gefühle zuständig sind. Dabei kommunizieren die Nervenzellen untereinander durch elektrische Impulse. An der Verbindungsstelle zweier Nervenzellen, der Synapse, gibt es einen kleinen Spalt, der nicht durch elektrische Impulse überwunden werden kann. An dieser Stelle übernehmen Botenstoffe, sog. "Neurotransmitter", die Weiterleitung der Signale. Bei Depressionen spielen besonders die Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin eine wichtige Rolle. Denn diese Neurotransmitter liegen anscheinend in zu geringem Maße vor. Die Nervenzelle funkt und funkt zwar die "guten Nachrichten" an die Nachbarzelle, doch hier kommen sie einfach nicht an, weil der synaptische Spalt nicht überwunden werden kann. Positive Gefühle und Gedanken kommen sozusagen nicht mehr an. Das schlägt sich dann eben entsprechend in Grübeleien und gedrückter Stimmung nieder. Hier greifen übrigens Antidepressiva an.
Serotonin und Noradrenalin haben aber noch einen wichtigen Steuereffekt: sie bremsen die Freisetzung von Stresshormonen im Körper. Wenn man sich konzentrieren will, wird vor allem das Noradrenalin wichtig. Es aktiviert das Großhirn und bereitet die Nervenzellen selbst auf schwierigste Denksportaufgaben sehr gut vor. Wer sich allerdings gut konzentrieren möchte, der darf gleichzeitig nicht zu aufgeregt sein. Deshalb schaltet Noradrenalin parallel die Freisetzung von Stresshormonen einen Gang runter. Kommt es nun bei Depressionen zu einem Mangel an Serotonin und Noradrenalin, schießt die Produktion von Stresshormonen über das sinnvolle Ziel hinaus - im Körper herrscht dann permanenter Stress. Das erklärt die innere Unruhe bei Depressionen.

Eine andere biochemische Erklärung der Depression stellt ein Hormon in den Mittelpunkt. Dieses Hormon, genannt CRH, reguliert seinerseits die Ausschüttung des Stresshormons Cortisol. Depressive befinden sich dadurch in einem Zustand von Dauerstress, weil CRH und damit Cortisol im Übermaß produzieren. Medikamente, die die Wirkung einer "Überdosis" CRH blockieren sollen, befinden sich in der Testphase.

Ein weiterer biologischer Faktor für die Ursachen einer Depression sind die Gene. Es kann bereits mit den Genen vererbt werden, dass man eine gewisse Veranlagung hat, Depressionen zu bekommen. Dies ist vielfach wissenschaftlich belegt. Gibt es im engeren Verwandtschaftskreis Personen, die depressiv sind, steigt für einen selbst das Risiko, ebenfalls depressiv zu erkranken.

Genauso wie es biologische Ursachen für Depressionen gibt, gibt es auch biologische Auslöser für Depressionen. Dies können z.B. Veränderungen im Hormonsystem sein (nach der Geburt, in den Wechseljahren), körperliche Erkrankungen (z.B. an der Schilddrüse) oder eine chronische Überbelastung.

Fazit

All diese Theorien über Ursachen und Auslöser sind sinnvoll. Sie schließen sich nicht gegenseitig aus, sondern liegen häufig nebeneinander vor. Wie schon gesagt, ist es meistens erst die Summe aller Faktoren, die die Depression verursacht.
Welche Faktoren nun die ausschlaggebenden für den Krankheitsausbruch waren, lässt sich nicht immer genau sagen. Die Frage, ob zunächst biochemische Veränderungen im Gehirn vorlagen und anschließend wurde man in der Richtung beeinflusst, dass man durch die Depressionen an Selbstachtung verloren hat, oder ob erst das Verhalten die Biochemie beeinflusst hat, gleicht der Frage, was zuerst da war, das Huhn oder das Ei. Im Prinzip ist dies die Frage, ob die Depression endogen oder psychogen entstanden ist. Das spielt aber nicht unbedingt eine große Rolle, auch nicht für die Behandlung. Heutzutage wird ohnehin meistens Psychotherapie mit medikamentöser Therapie kombiniert, da dies am wirkungsvollsten ist.

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