Medikamente
Neben der Psychotherapie ist auch die medikamentöse Therapie sehr wirkungsvoll. Viele Patienten haben jedoch Angst davor, Psychopharmaka einzunehmen.
Man darf nie vergessen, dass die Medikamente die eigentlichen Probleme, die die Depressionen oder Ängste verursacht haben, nicht lösen können. Die Psychotherapie bleibt also unverzichtbar. Die Medikamente dienen nur als "Krücke". Denn vielen Depressiven oder Angstkranken ist es häufig gar nicht möglich, ohne Medikamente eine Therapie zu beginnen. Durch die Medikation werden die Depressiven zunächst soweit stabilisiert, dass sie in der Lage sind, therapeutisch behandelt zu werden. Die Angstkranken könnten ohne Medikamente womöglich gar nicht das Haus für eine Therapie verlassen.
Selbstverständlich bleibt es jedem selbst überlassen, ob er ein Medikament nehmen möchte oder nicht. Viele Menschen lehnen prinzipiell Psychopharmaka ab.
In jedem Fall muss die medikamentöse Behandlung stets mit dem behandelnden Arzt abgesprochen werden.
Die verschiedenen Medikamente
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Medikamente zu unterteilen. Hier eine Einteilung nach dem chemischen Aufbau bzw. der Wirkungsweise:
- Trizyklische Antidepressiva
- klassische Antidepressiva; die ersten Antidepressiva dieser Form kamen Ende der fünfziger Jahre in den USA auf den Markt
- Tetrazyklische Antidepressiva
- wirken ähnlich den trizyklischen Antidepressiva, sind aber antriebssteigernder, nebenwirkungsärmer, die eigentliche Wirkung ist dafür aber geringer
- SSRI
- Antidepressiva der neueren Generation, nebenwirkungsarm
- MAO-Hemmer
- es gibt ältere, irreversible, und neuere, reversible; die älteren haben erhebliche Nebenwirkungen und man muss eine strenge Diät einhalten
- Neue Medikamente (NaSSA, SNRI, NARI, DSA, DRE)
- die neueren Medikamente wirken durchweg selektiver als die klassischen und sind somit nebenwirkungsärmer, allerdings auch teurer
- Pflanzliche Antidepressiva
- Johanniskraut-Präparate
- Lithium/Carbamazepin
- hauptsächlich bei phasisch auftretenden endogenen Depressionen eingesetzt, um einen Rückfall zu verhindern (phasenprophylaktisch)
- Benzodiazepine
- Beruhigungsmittel (Tranquilizer) und Schlafmittel (Hypnotika); können abhängig machen
- Neuroleptika
- bei psychotischen Symptomen eingesetzt, z.B. bei Schizophrenie
- Beta-Blocker
- eigentlich gegen Bluthochdruck, um Herzinfakten vorzubeugen, wird aber auch gegen Migräne und physiologische Symptome der Angst (Herzrasen, Zittern) eingesetzt
Allgemeine Informationen zu chemischen Antidepressiva
Die Vorurteile diesen Medikamenten gegenüber sind meist unbegründet. Antidepressiva machen nicht abhängig, verändern nicht die Persönlichkeit und wirken nicht lediglich dämpfend ("chemische Keule").
Viele Patienten befürchten, dass durch Einnahme von Psychopharmaka und Antidepressiva im speziellen ihre Persönlichkeit verändert wird. Vielmehr muss man jedoch sagen, dass die Depression die Persönlichkeit des Einzelnen verändert, die Medikamente hingegen lindern die Symptome, so dass die eigentliche Persönlichkeit des Menschen wieder in den Vordergrund tritt.
Außerdem sind bei den modernen Antidepressiva auch die Nebenwirkungen meist gering.
Früher wurden Antidepressiva ausschließlich bei endogenen Depressionen eingesetzt. Die Unterteilung endogen/psychogen wird aber heute nicht mehr verwendet, da die Abgrenzung doch recht schwierig ist. Es hat sich herausgestellt, dass auch bei psychogenen Depressionen die Stoffwechselvorgänge im Gehirn beeinflusst sind, so dass auch hier die Medikamente Wirksamkeit zeigen. So werden heute Antidepressiva bei jeder Form von Depression verwendet. Genau wie bei psychogenen Depressionen heutzutage Medikamente verordnet werden, wird bei der endogenen Depression auch Psychotherapie durchgeführt.
Vom chemischen Aufbau und der Wirkungsweise lassen sich die AD in mehrere Gruppen teilen: trizyklische ("klassische") AD, SSRI (selective serotonin reuptake inhibitor = selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer), tetrazyklische AD und Mao-Hemmer (Monoamin-Oxidase-Hemmer).
Sie lassen sich zusätzlich noch unterteilen in anregende AD und in beruhigende und angstlösende (anxiolytische) AD. Je nachdem, ob der Patient eher gehemmt ist oder eher unruhig und ängstlich, werden die AD entsprechend eingesetzt.
Allen AD ist gemeinsam, dass sie stimmungsaufhellend wirken.
Wirkung und Nebenwirkung von Antidepressiva
Alle Antidepressiva brauchen eine gewisse Zeit, bis ihre Wirkung einsetzt. Die Nebenwirkungen dagegen sind am stärksten in den ersten Tagen, sie verschwinden aber nahezu vollständig in den folgenden zwei bis vier Wochen. Um die Nebenwirkungen am Anfang gering zu halten, beginnt man bei der Einnahme zunächst mit einer schwachen Dosis und steigert sie langsam bis zur endgültigen Dosis.
Jede Änderung der Dosierung sollte mit dem Arzt abgesprochen werden! Auch wenn die Nebenwirkungen so stark sind, dass man sie nicht aushalten kann, sollte man den Arzt informieren.
Nach zwei bis drei Wochen beginnt die stimmungsaufhellende Wirkung einzusetzen. Die anregende oder beruhigende Wirkung (je nach Mittel) tritt schon in der ersten Woche ein. Das kann u.U. zu einer Erhöhung des Suizidrisikos führen. Hat der Patient starke Suizidgedanken, wird er häufig nur durch die Hemmung und Tatenlosigkeit der Depression davon abgehalten, sich das Leben zu nehmen. Wird jetzt durch das Medikament der Antrieb gesteigert, aber die Stimmung bleibt schlecht, besteht die Gefahr, dass Suizidpläne in die Tat umgesetzt werden. Der Arzt sollte seinen Patienten also gut im Auge behalten. Evtl. kann in dieser Übergangszeit eine Kombination des AD mit einem Beruhigungsmittel sinnvoll sein.
Wie jedes Medikament haben auch Antidepressiva unerwünschte Nebenwirkungen. Bei den trizyklischen AD sind das hauptsächlich: Schwierigkeiten beim Sehen (Akkomodationsstörungen, Schwierigkeiten beim Umstellen auf Nah-/Fernsicht), Störungen beim Wasserlassen (Miktionsbeschwerden), Verstopfung (Obstipation, die aber auch ein Symptom der Depression sein kann), Mundtrockenheit, Senkung des Blutdrucks, Beschleunigung des Herzschlags, Müdigkeit bei beruhigenden AD, Schwindel, Schlafstörungen bei anregenden AD, Gewichtszunahme (Appetitanregung), Unruhe. Die SSRI wurden bei ihrer Einführung gefeiert, da sie aufgrund ihrer Selektivität sehr viel weniger Nebenwirkungen haben. Leider sprechen ein Drittel der Patienten nicht auf SSRI an. Die Nebenwirkungen der SSRI treten eher im Verdauungsapparat auf: Übelkeit (Nausea), Erbrechen, Durchfall sind nicht selten, legen sich aber nach wenigen Tagen wieder.
Nicht jede dieser Nebenwirkungen tritt zwangsläufig bei jedem Patienten auf. Manchmal treten gar keine Nebenwirkungen auf, manchmal sind die Nebenwirkungen zu Beginn der Einnahme so unangenehm, dass darüber nachgedacht werden muss, das Medikament zu wechseln.
Die Auswahl des passenden Medikaments
Die Auswahl eines passenden AD ist nicht ganz einfach. Im Vordergrund steht erstmal die Frage, ob ein anregendes oder ein eher beruhigendes Mittel ausgewählt werden sollte. Als nächstes sollte beachtet werden, dass ausschließlich auf Serotonin wirkende Medikamente eher angstlösend wirken, auf Noradrenalin wirkende sind eher antriebssteigernd. Wenn man nicht das erste Mal ein AD einnimmt, sollte man natürlich auf eins zurückgreifen, das sich früher schon als wirksam erwiesen hat.
Häufig verlässt sich ein Arzt auf seine eigenen Erfahrungen, die er mit verschiedenen Medikamenten bei seinen bisherigen Patienten gemacht hat.
Ansonsten kann man nur festhalten, dass jedes Medikament bei verschiedenen Personen auch unterschiedlich wirkt. Zum einen kann es sein, dass die Nebenwirkungen so stark sind, dass man sie nicht in Kauf nehmen kann. Ein anderes Medikament hat möglicherweise zwar keine merklichen Nebenwirkungen, aber dafür scheinen sich auch die Symptome nicht zu bessern.
Der verschreibende Arzt handelt dementsprechend häufig nach seinen persönlichen Erfahrungswerten. Tritt nach fünf bis sechs Wochen aber immer noch keine merkliche Beserung ein, sollte man ein anderes Medikament ausprobieren - natürlich immer in Absprache mit dem Arzt. Möglicherweise reicht es aus, die Dosis weiter zu erhöhen. Bei einem großen Teil von Patienten ist das AD nicht wirksam, weil es schlicht unterdosiert ist. Man kann hoffen, dass der Arzt zunächst eins der neueren Medikamente verschreibt, auch wenn dies teurer ist als die klassischen. Erst wenn davon kein Mittel Wirkung zeigt, sollte auf ein trizyklisches AD zurückgegriffen werden. Gerade bei älteren Menschen sind die trizyklischen AD mit Vorsicht zu genießen, da sich hier die Nebenwirkungen oft im Herz-Kreislauf-System niederschlagen. Dann empfiehlt sich der Griff zu einem reversiblen MAO-Hemmer. Erst wenn alle diese Möglichkeiten ausgeschöpft sind, bleibt noch der Versuch, ein atypisches Neuroleptikum einzusetzen.
Antidepressiva werden nicht nur gegen Depressionen eingesetzt. Auch gegen Ängste können sie durchaus wirksam sein. Zum einen sind die Mechanismen im Gehirnstoffwechsel bei Ängsten und Depressionen sehr ähnlich, so dass die Medikamente jeweils an der gleichen Stelle ansetzen. Außerdem ist es bei Ängsten so, dass der Stresspegel permanent erhöht ist, so dass die Auslöseschwelle verringert ist, d. h. schon kleine Anlässe können zu starken Ängsten führen. Die Antidepressiva sorgen nun dafür, dass der allgemeine Stresspegel gesenkt wird und so auch wieder stärkere Auslöser nötig sind, um Angst zu bekommen.
Bei starker sozialer Phobie bis hin zur Panik kann es sinnvoll sein, Beruhigungsmittel einzunehmen. Diese wirken sehr schnell und sind auch nebenwirkungsarm. Dennoch ist Vorsicht geboten! Benzodiazepine machen sehr schnell abhängig. Deshalb sollten diese Medikamente wirklich nur als Notfallmedikamente eingenommen werden und nicht regelmäßig. Manchmal wirkt aber auch der Gedanke, dass man im Notfall zum Medikament greifen kann, schon sehr beruhigend.
Manchmal werden bei Phobien auch Beta-Blocker angewendet. Hier dauert es jedoch einige Stunden, bis die Wirkung eintritt, so dass rechtzeitig vorher bekannt sein muss, dass eine angstauslösende Situation auftreten wird.
Pflanzliche Antidepressiva
Als Alternative zu den chemischen Antidepressiva gibt es die pflanzlichen AD. Dazu zählen Johanniskrautextrakte und Extrakte aus Baldrianwurzle, Passionsblumenkraut, Hopfenzapfen und Melissenblättern. Johanniskraut-Extrakte wurden in verschiedenen Studien untersucht, und es scheint so zu sein, dass sie zumindest bei leichten und mittelschweren Depressionen ebenso wirksam sind wie synthetische Antidepressiva. Dazu muss die Konzentration des Extraktes jedoch hoch genug sein. Fragen Sie in Ihrer Apotheke gezielt nach.
Die pflanzlichen AD sind ohne Rezept zu erhalten.
Die Nebenwirkungen sind gering, beim Johanniskraut wird vor allem die Lichtempfindlichkeit erhöht. Dennoch muss auch darauf geachtet werden, dass Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten auftreten können, z. B. mit anderen Antidepressiva und mit Medikamenten, die die Blutgerinnung hemmen (z. B. Marcumar). Das bis vor kurzem auch noch sehr gelobte Kava-Kava wurde wegen gefährlicher Nebenwirkungen (Leberschädigung) vom Markt genommen.
Auch für die pflanzlichen Mittel gilt, dass die stimmungsaufhellende Wirkung erst nach zwei bis drei Wochen einsetzt.
Weitergehende Infos
Wirkweise von Antidepressiva- Allgemeine Infos zur Wirkweise der verschiedenen Antidepressiva
Tri- und Tetrazyklische AD- Tri- und Tetrazyklische Antidepressiva sind die klassischen Medikamente, die ersten synthetisch hergestellten Antidepressiva
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